Ritchie Blackmore

Ein Flirt mit dem Mittelalter

Interview - Equipment - Workshop


Der Großmeister der Gitarre auf Abwegen: Mit "Shadows Of The Moon", einer Gemeinschaftsproduktion mit seiner Verlobten Candice Night, unterstreicht Ritchie Blackmore seine Vorliebe für Akustikgitarren und gefühlvolle Klänge. Eine Idylle, der das neue Rainbow-Album ein jähes Ende bereitete. Denn auf "Stranger In Us All" präsentiert sich Blackmore schon wieder in bester Stratocaster-Laune. Gut aufgelegt war Ritchie Blackmore auch beim Gesprächstermin mit FACHBLATT.

Ritchie Blackmore, einer der letzten E-Gitarren-Virtuosen und wahrscheinlich größter Befürworter der Marshall Stratocaster-Kombination, hat sein Equipment gegen ein Tamburin und eine Taylor Akustik eingetauscht. Soeben spielte er mit seiner Verlobten Candice Night ein renaissance- und barocklastiges Album ein. "Shadow Of The Moon" ist Blackmores erster Streifzug durch dieses musikalische Terrain und zugleich ein makelloses gefertigtes Album mit Streichern, Bläsern und Synthies, die Candice Nights wunderbarer Stimme Rückhalt bieten. Das unter dem Projektnamen Blackmore's Night veröffentlichte Album offenbart die sanfte und emotionale Seite des Meistergitarristen, der uns mit seiner Technik schon seit Jahrzehnten verblüfft. Doch selbst die Freunde der E-Gitarre kommen bei Blackmore nicht zu kurz. Veröffentlichte er mit "Stranger In Us All" doch ein neues Rainbowund Vintage-Blackmore-Album, das herausfordernd und brillant eben jene Eigenschaften besitzt, die Ritchie Blackmores Schaffen schon immer auszeichneten. Bekannt als Freund der knappen Worte, ließ der Ausnahmegitarrist jetzt seine beiden Produktionen und die Geschehnisse der letzten Jahre Revue passieren.

Fangen wir bei Deinem Album "Shadow Of The Moon" an. Es ist nicht gerade typisch für Dich...

Im Prinzip trage ich das Konzept schon seit 25 Jahren mit mir herum. Die Musik der Renaissance gefiel mir nämlich schon immer. Desöferen spielte ich sie zuhause und irgendwann begann meine Verlobte, dazu zu singen. Wir wurden immer besser, fingen schließlich an, Songs zu schreiben und nahmen das Material letztlich auf. Zu Beginn waren die Songs sehr authentisch und renaissancespezifisch. Mit der Zeit lockerten wir das ganze dann etwas auf und verpaßten den Songs ein kommerzielleres Gewand. Unser Grundgedanke ging dabei jedoch nicht verloren und so spiegelt das Album nun eben beides wieder: Das 16. Jahrhundert und die Gegenwart.

Entstand das Album also durch die Veränderung von Akkordfolgen und Song-Fragmenten, die sich schließlich in eine neue Richtung bewegten?

In Europa habe ich einige Freunde, die in klassischen Orchestern spielen. Und von ihrer Spielweise habe ich mir eine Menge abgeschaut. Andere Stücke, die wir spielten, stammten wiederum aus dem 16. Jahrhun dert und waren authentisch. Man kann also nicht sagen, daß wir etwas erfunden oder konstruiert hätten. Einiges davon war ganz einfach schon da. Der Rest entstand durch eine natürliche Weiterentwicklung oder Ausdehnung dieser Spielweise. Dazu hat Candice ein großes Geschick, meine Ideen zu interpretieren. Sie verleiht meinen Songs durch ihre melodische Stimme einen gewisse Touch.

Um diese Art von Musik aufnehmen zu können, mußt Du wohl in eine völlig andere Richtung denken als bei der Produktion eines Rainbow-Albums oder bei anderen elektrifizierten Alben.

Absolut! Auf diesem Album spiele ich eine Akustikgitarre und das ist natürlich eine ganz andere Technik. Irgendwie hat es mir aber viel mehr Spaß gemacht als die Produktion eines Hard Rock-Albums, glaube ich. Alles was wir spielten entsprach am Ende genau unseren Vorstellungen. Beim Rock'n'Roll weißt du nie was am Ende dabei herauskommt. Wenn du mit fünf Leuten in einer Band spielst, wird alles ziemlich kompliziert - wegen den Egos. Du hast eine bestimmte Vorstellung und ein anderer will in eine ganz andere Richtung. Und in den meisten Fällen kommt am Ende eben nicht das dabei heraus, was du dir urpsrünglich erhofft hattest. Das ist das Problem mit Bands. Wenn du alleine oder zu zweit bist, lenkst du die Sache einfach in deine Richtung.

Tauchte dieses Problem in erster Linie bei Deinen neueren Produktionen, oder auch schon mit Deep Purple auf?

Hauptsächlich bei den Produktionen mit Deep Purple. Alles war so konfus und kompliziert. Anfangs hatte jeder eine bestimmte Vorstellung und am Ende war keiner richtig zufrieden. Man konnte seine Ideen einfach nicht rüberbringen.

...was bei der letzten Deep Purple-Scheibe deutlich zum Ausdruck kam.

Ja, es waren einfach fünf Egos, die alle in verschiedene Richtungen drängten. Und ich sah für mich keine Perspektive mehr, auf diese Art und Weise fortzufahren.



Diese Phase stand also im Kontrast zu Deep Purples Frühphase, als alle mehr oder weniger in dieselbe Richtung drängten.

Irgendwie komisch: Anfangs waren es immer nur drei Leute, die für die Songs verantwortlich zeichneten: Ian Gillan, Roger Glover und ich. Ian Paice und Jon Lord schrieben dagegen keine Songs. Nur mußten wir sie miteinbeziehen, weil wir keinen Streit wollten.

Ist Deine Fertigkeit auf der akustischen Gitarre auf demselben Level wie deine Fertigkeit auf der elektrischen?

Darauf habe ich nie geachtet. Das wichtigste für mich ist das Songwriting und daß die Grundidee rüberkommt. Es ging nicht darum, meine volle Bandbreite und Technik unter Beweis zu stellen. Es sollte nicht einfach eine weitere Gitarren-Produktion werden. "Shadow Of The Moon" ist keine Angelegenheit für Hardcore-Gitarristen, denen es auf die neueste Technik und Selbstdarstellung ankommt.

Hast Du jemals darüber nachgedacht, was wohl Deine Fans dazu sagen, daß Du plötzlich ein Akustik-Album aufnimmst? Schließlich kennt man Dich mit Marshall Türmen und Stratocaster noch am besten.

Nein! Es ging mir um die Songs und die Melodien. Die Rolle als Redelsführer an der Gitarre habe ich längst abgelegt. Darum können sich die anderen streiten. Das ganze ist eine Sackgasse: Entweder die Leute sind eifersüchtig auf dein Können, oder sie mögen deine Platten sowieso nicht. Also geht es nur noch darum, andere Gitarristen zu beeindrucken. Das ist kein Thema für mich.

Der Job als Gitarenheld spielt für Dich und Deine Musik also keine Rolle mehr.

Richtig. Für mich stehen beim Songwriting Riff, Akkordfolge, Arrangement, und nicht das Solo im Vordergrund. Manchmal muß ich ins Studio, um noch ein Solo einzuspielen, weiß aber am Ende gar nicht mehr, worum es im Song eigentlich geht. Andere Gitarristen basteln den Song um ein tolles Solo herum. So arbeite ich nicht.

Bei neueren Deep Purple-Alben hatte man stets den Eindruck, Du wärst nicht mehr so ergriffen gewesen, wie das bei "In Rock" und "Machine Head" der Fall war. Bei den neueren Deep Purple-Alben hatte ich ganz einfach keine Lust, mit dem Sänger zusammenzuarbeiten. Die Plattenfirma setzte alles daran, mich zu überreden, und schließlich gab ich mein O.K.. Wir gingen auf eine zweimonatige Tour und nach drei Wochen dachte ich, "Das halte ich nicht länger aus." Also zog ich einen Schlußstrich, spielte noch bis zum Ende der Tour und gab ihnen die Chance, einen neuen Mann zu finden. Für mich hatte das keinen Sinn mehr.

Und "der Sänger" hieß lan Gillan.

Korrekt. Zwar waren die meisten Tracks auf einen anderen Sänger zugeschnitten, aber plötzlich wollten alle Ian Gillan wieder haben - nur ich nicht. Seinen Gesang auf den neuen Songs fand ich einfach lächerlich. Also kümmerte ich mich nicht weiter darum.

Es war also unmöglich, die Emotionen früherer Zeiten in die Gegenwart zu transportieren?

Man verändert sich einfach zu sehr und die gute Zeit lag mehr als 25 Jahre zurück. Über so einen langen Zeitraum hinweg verändert sich jede Band. Man hört sich ihre ersten Scheiben an und denkt, "Damals trafen sie den Nagel auf den Kopf, das entsprach dem Nerv der Zeit." Und du schaffst es nicht ein Leben lang, immer den Nerv der Zeit zu treffen. Keine Band schafft das.

Kommen wir zu "Shadow Of The Moon" zurück: Welches Standard-Equipment kam bei der Produktion zum Einsatz?

Ich spielte eine Alvarez-Akustikgitarre und manchmal eine Taylor. Im Studio klingen Taylors aber ein wenig rauh. Der Amp war von Crate und wurde einfach per Mikro abgenommen. Ab und zu nahm ich einen Engel-Amp.

Ein interessanter Punkt, denn bei Deiner Show vor ein paar Tagen sah ich keinen einzigen Marshall auf der Bühne.

Die verwende ich auch nicht mehr. Ich hab' zwar noch ein paar davon aber die Amps von Engel finde ich viel lebhafter und druckvoller. Die Marshalls wurden mir zu langweilig. Keine Ahnung, warum jeder Marshalls hat. Gut, am Anfang mochte ich sie - sie sahen einfach gut aus. Aber meine Lieblingsamps waren sie nie.

Ist Dein Gitarrensound jetzt anders?

Er ist ein wenig klarer, hat mehr Resonanz und Character. So macht das Spielen viel mehr Spaß!

Bei "Play Minstrel Play" wirkte Ian Anderson mit. Du bist schon lange ein Fan von ihm.

Bei diesem Song machten wir erstmals gemeinsame Sache. Ich schickte ihm das Tape, er spielte seinen Part ein und sandte das Tape zurück. Das war's dann auch schon. Ich bewundere Ian wirklich schon sehr lange. Wir kennen uns seit 25 Jahren.

Waren Deep Purple und Jethro Tull jemals gemeinsam auf Tour?

Nein, aber Rainbow fungierte ein paar mal als Support-Band für Jethro Tull.

Hättetst Du prinzipiell deren Musik-Stil auch spielen können?

Kaum. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich Jethro Tull so schätze. Mein Stil ist nunmal Heavy Rock oder Renaissance-Musik.

Wie kam es zu dem Song "Ocean Gipsy"?

Eine Coverversion! Und ohne Band macht sowas wirklich Spaß. Warum sollte man einen Song, der einem gefällt, nicht nachspielen? Bei Deep Purple mußten alle Songs aus eigener Feder stammen. Angeblich wegen der Credits. Schwachsinn! Einen Song spielt man doch, weil man ihn mag, und nicht, weil man ihn selbst geschrieben hat.

Auf "Writing On The Wall" spielst Du zur Abwechslung mal E-Gitarre...

Meine Stratocaster! Dabei ging es uns in erster Linie darum, die Leute zu überraschen. Zuerst hören die Leute diese mittelalterliche Musik und plötzlich geht die Sache in einen Disco-Rhythmus über...

Störte Dich das Vermengen von Renaissance und Pop nicht?

Wenn Leute klassische Musik hören, rechnen sie immer mit denselben Elementen. Abwechslung schadet nicht.

Welche E-Gitarren hast Du bei der Produktion verwendet?

Nur meine Strat. Zu den Pickups kann ich nichts sagen, weil ich sie häufig austausche.

Dein Ausgangs-Sound war also anders als beispielweise bei einem Rainbow-Album?

Der Ausgangs-Sound war sogar ziemlich ähnlich, nur das Backing war anders. Zum Einsatz kamen kleine Engel-Amps. Das Problem bei Marshalls ist, daß man schon 250 Watt braucht, um einen bestimmten Sound zu erzielen. Engel-Amps kann man runterregeln und das gefällt mir. Meine Amps hatten gerade mal 50 Watt, dazu nahm ich ein 4x10 Cabinet - eine Art Combo.

Auf "Renaissance Fair" spielst Du sogar Mandoline...

Ja, ich ging in den nächstbesten Gitarrenladen und sagte: "Ich hätte gerne eine Mandoline und ein paar Anleitungen, wie man das Ding spielt." Sie hatten zwar eine Mandoline, kannten sich aber nicht die Bohne aus. Also spielte ich darauf, als wäre es eine Gitarre.

Wie kam es zu dem Song "Memmingen"?

Memmingen ist eine mittelalterliche deutsche Stadt. Auf dem Stadplatz findet alle vier Jahre eine Art Theaterspiel statt. Alle tragen altertümliche Kleidung, die Kulisse ist authentisch - wirklich faszinierend! Ich war mal dort und widmete den Song dieser Tradition.

Auf "No Second Chance" spielst Du zwar ein Solo, dafür aber ein sehr zurückhaltendes. Daran hast eigentlich immer gespart...

Auf der Bühne spiele ich ganz gerne mal ein Solo, sonst halte ich mich damit aber zurück. Zum einen hätte ein längeres Solo den Song zerstört, zum anderen wollte ich nicht wie ein Gitarrist aus der Gegenwart klingen. Die meisten brechen mit ihrem. Solo über den Song herein wie ein Panzer. Meiner Meinung nach sollte die Melodie, sozusagen als verlängerter Arm des Gesangs, im Vordergrund stehen.

Was das Vibrato betrifft, scheinst Du Dich auch zurückgehalten zu haben...

Stimmt. Ich habe damit aufgehört, als alle anderen damit anfingen.

Denkst Du dabei auch an Eddie Van Halen?

Nein, eher die Zeit danach. Frank Zappa sagte mal, Eddie hätte das Gitarrenspiel neu definiert. Da gebe ich ihm recht. Es war einfach Eddies eigener Stil. Viel mehr habe ich mich über diejenigen aufgeregt, die Van Halen imitierten, ihm nacheiferten.

Was war das für ein Gefühl, zusammen mit Deiner Verlobten zu arbeiten?

Ein gutes - weil ich sie nicht bezahlen mußte. Spaß beiseite. Wir verbrachten täglich 24 Stunden miteinander und viele fragten sich, wann wir uns wohl auf die Nerven gehen würden. Das passierte aber nicht. Wir haben uns immer etwas zu sagen, interessieren uns für dieselben Dinge - die Musik der Renaissance, Spiritualismus, Okkultismus - was auch immer. Es gibt nicht viele Beziehungen, die annähernd so eng wären wie die unsere.

Kommen wir zum Rainbow-Album "Stranger In Us All". War es Dir von Anfang an klar, daß Du eine komplett neue Band-Besetzung haben wolltest?

Ja, denn so eine lächerliche Situation wie mit Deep Purple wollte ich nicht noch einmal erleben. Ich mußte raus und etwas neues machen. Nach ein paar Monaten Pause fing ich an, nach neuen Leuten Ausschau zu halten. Besonders in Long Island, wo ich wohne, gibt es in Club-Bands wirklich gute Musiker, die mit mehr Enthusiasmus und Hingabe zur Sache gehen als die Musiker, die zwar in großen Arenen, dafür aber nur des Geldes wegen spielen. Langsam wurde mir klar, daß es in der Club-Szene Long Islands fähigere Musiker gibt als auf den großen Bühnen dieser Welt.

Emotionalität war Dir also wichtiger als technische Brillanz.

Ja, mir kam es auf deren Enthusiasmus an. Da gibt es Leute, die sagen, "Mir kommt es auf die Musik an und was man daraus machen kann." Andere sagen, "Weißt Du nicht wer ich bin? Ich spiele schon verdammt lange und bin echt was besonderes." Denen kommt es nicht auf die Musik, sondern auf sich selbst an. Schon verrückt...

Steven Rosen, Fachblatt Music Magazin 05/97







BLACKMORES WEIßE WAHL



... und wenn der letzte Gast gegangen ist, mischt sich der Barkeeper einen Strat-Cocktail à la Blackmore: weiß lackierter Korpus mit nicht allzu ausgeprägtem Shaping und Ahornhals mit "scalloped" Palisandergriffbrett und - wichtig! - CBS-Kopfplatte.

Gut 25 Jahre nach Deep Purples "Made In Japan" widmet Fender dem bösen schwarzen Mann der Stratocaster ein Signature-Modell. Obwohl: Mitte der Achtziger gab es bereits in der "Squier Silver Series" eine ähnlich ausgestattete Strat, die bei günstigem Preis dem Blackmore-Original durch Korpusfarbe und "Oversized"-Kopfplattendesign nahekam.


DIE BASIS


Die auf der 97er NAMM-Show vorgestellte Ritchie Blackmore-Signature-Stratocaster wird nur in diesem Jahr angeboten. Gefertigt wird in Japan, wobei die besten FujigenGitarrenbauer für Custom Shop-Niveau sorgen sollen.

Als Bestandteil der "Limited Edition Series' verfügt die Gitarre über einen Lindenkorpus im "Olympic White"-Finish; die Nickel/Chrom-Hardware besteht aus "70's Style"-Tremolo mit Gußreitern und den berühmt-berüchtigten abdeckten Mechaniken mit F-Logo auf ihrer Rückseite, die wie gehabt von Schaller kommen und mit ihren Kluson-Vorgängern die geschlitzten Schäfte mit Bohrung zur Aufnahme des Saitenendes gemeinsam haben.

Die große "CBS-style"-Kopfplatte in Anlehnung an die Ur-Jazzmaster von 1958 ist als unverzichtbares Blackmore-Markenzeichen wie gesagt absolute Pflicht.

Diese als "72er Stratocaster" bezeichnete Variante unterscheidet sich vom 68er Modell (frühe CBS-Version, wie z.B. Malmsteens Creme-Liebling) durch die Ausstattung auf der Kopfplatte: Die Seventies verfügt über zwei Butterfly-Saitenniederhalter, die 68/69er hat nur einen. Außerdem erfolgt die Justage des Halsstabs von der Kopfplatte aus und nicht vom korpusseitigen Halsende.

Die Blackmore-Signature weist damit den sogenannten "Bullet Truss Rod" auf. Die Kopfplattenfront trägt neben Herrn Blackmores Unterschrift ein schwarzes, gold umrandetes Fender-Logo ohne den "With Synchronized Tremolo"-Zusatz der Sechziger-Modellvariante.


MR. BLACKMORES KURIOSITATEN-KABINETT


Typische Blackmore-Spezialität sind zwischen den Bundstäbchen ausgehöhlte Palisandergriffbretter ("scalloped"), was im Grunde den gleichen Effekt wie extrem hohes Jumbo-Bundmaterial hat: Die Fingerkuppen berühren kaum das Griffbrett, Fingervibrato wie heftigen Bendings werden wenig Widerstand entgegengesetzt. Kehrseite der Medaille: Drückt man die Saiten insbesondere bei Akkorden zu stark oder ungleichmäßig herunter, leidet die Intonation. Das Halsformat charakterisiert Fender als "Oval Shaped", was man als mittelkräfig mit merklich gewölbtem Griffbrett interpretieren darf. Die Halsrückseite ist hochglanzlackiert. Typisch Seventies ist auch die Halsbefestigung: Es kommt eine Dreipunktverschraubung zum Einsatz, die das Verstellen des Anstellwinkels ohne Halsdemontage erlaubt ("Tilt Neck Adjustment").

Extrem auffälliges Feature der neuen Blackmore-Signature ist der "Mittelpickup" im dreischichtigen Schlagbrett (weiß/schwarz/ weiß) - von wegen Tonabnehmer, es handelt sich vielmehr um eine leere Einspulerkappe! Konsequenterweise kommt ein Dreiwegschalter mit den L.P.-typischen Stellungen "Halspickup solo", "Stegpickup solo" und Kombinationsbetrieb zum Einsatz. Auch für die beiden Tonregler hat die Bestückung Konsequenzen: Die Blackmore-Strat verfügt über (passive) Klangfilter für Hals- und Stegpickup separat - "Quarter Pound" Single Coils mit großen, flachen Polepieces aus dem Hause Seymour Duncan, die schlagkräftiger und mittig-fetter als Fenders Standard-Einspuler sind.

Schwarze Tonabnehmer (-kappen), Potiund Schalterknöpfe sowie der Knauf am Tremoloarm erinnern daran, daß etwa ab Mitte der siebziger Jahre auf Strats schwarze Kunststoffparts, bzw. Pickguards montiert wurden. Anfang der Achtziger orientierte sich Fender wieder an der ursprünglichen 54er Optik - schwarze Parts auf weißem Schlagbrett in der Übergangszeit waren die Folge. Die Gurtknöpfe schließlich sind im Korpusholz versenkt. Offenbar handelt es sich hier um Jim Dunlops "Strap Lock"-System. Da die Endpins komplett im Body verschwinden, muß man seinen Gurt mit entsprechenden Gegenstücken ausrüsten. Alles in allem ist Fenders Blackmore-Strat eine aufwendige Replika der Stratocaster, die Ritchie in den Siebzigern während der "Smoke On The Water"-Phase bevorzugte. "This is Ritchie Blackmore's Stratocaster, right down to the last detail!" - sieht man vom Lindenkorpus und den in den Siebzigern nur schwerlich erhältlichen Duncans ab, geht Fenders Charakterisierung in Ordnung. Voraussichtlicher Liefertermin: ab Juni/Juli!

Jörg Kube, Fachblatt Music Magazin 05/97



GROß UND STARK



Ritchie Blackmores Equipment scheint schnell aufgezählt: weiße Strat, Akai Tonbandmaschine, britisches Röhrenstack. Was die Amps angeht, hat der jahrzehntelange Marshall-User allerdings unlängst umgesattelt: Seit Oktober 1995 arbeitet Herr Blackmore mit dem süddeutschen Röhrenamp Spezialisten Engl zusammen.

Resultat sind zwei übersichtliche, zwei kanalige Topteile mit 100, bzw. 150 Watt Leistung, die als "stripped down"-Konzept vom Flaggschiff Savage 120 abgeleitet sind. Trotzdem hat Engls Ampdesigner Horst Langer den handgefertigten Vollröhrenboliden einige Spezialitäten mit auf den Weg gegeben.

DYNAMIK UND CHARAKTER


Bei beiden Signature-Topteilen hat man es mit schlagkräftigen Kandidaten zu tun: 100 und 150 Watt-Ausführung unterscheiden sich lediglich in der Endstufenbestückung und durch auf die jeweilige Leistung abgestimmten Trafos/Übertrager. Als weiteres Bonbon verfügt der 150er über die vom Savage 120 bekannte Innenbeleuchtung mit zwei 15WGlimmlampen. Die Vorstufen sind identisch.

AUFBAU


Die oberen zwei Drittel der Vorderseite gewähren dank Savage-typischer Rundstäbe Einblick in das Geschehen hinter den Kulissen. Was die Frontplatte angeht, fallen vor allem die Chickenhead-Potiknöpfe auf. Wie schon angedeutet, sind die Vorstufen der Blackmore-Signatures weit simpler aufgebaut als die des vierkanaligen Savage 120. Horst Langer beschränkte sich bei der Klangregelung auf vier Potis, wobei Bass, Middle und Treble generell aktiv sind, Presence dagegen nur im Leadkanal zum Einsatz kommt. Ein BrightSchalter sorgt für Anhebung der oberen Frequenzen, im Gegensatz dazu betont Contour untere Mitten im Bereich von 300 bis 500Hz. Zusätzlich zu Clean und Lead bietet der Blackmore-Signature zwei Crunch-Varianten, die mit dem Gain Boost-Schalter abgerufen werden. Das Clean-Poti regelt Empfindlichkeit und Sättigung des ersten Kanals, als Pegelkontrolle dient Master A - soweit völlig normal. Schaltet man im Cleankanal in den Hi Gain-Modus, wird Master B aktiv und der Amp produziert drückenden Crunch. Fast überflüssig zu erwähnen, daß dies Blackmores Favorit ist! Der Leadkanal arbeitet im Grunde analog, die Distortion-Intensität wird mit vom Lead- (Gain-) Poti geregelt, Lead Volume dient der Lautstärkeanpassung. Natürlich funktioniert der Lo/Hi Gain-Trick auch hier: Master B bestimmt den Pegel eines enormen Highgain-Sounds, der auch im Heavy Metal seinen Platz findet. Alle wichtigen Schaltfunktionen (Kanalumschaltung, Hi/Lo Gain, Master A/B) sind mit verschiedenfarbigen LEDs gekennzeichnet.

Auf der spartanisch ausgestatteten Rückseite befindet sich ein Effektweg, der per Wet/DryPoti stufenlos von serieller auf parallele Signalführung zugemischt werden kann. Zwei Footswitch-Buchsen ermöglichen das Fernbedienen von Contour, Kanalumschaltung und MasterA/B; bei den Lautsprecherausgängen schließlich wurde mit Impedanzen von 4 Ohm parallel bis 16 Ohm an alles gedacht. Ein kurzer Blick "unter die Hauben" zeigt die Unterschiede in der Dimensionierung der handgewickelten Trafos. Bei den beiden illuminierten viereckigen Kästen in den Ecken des Signature 150 handelt es sich um besagte "Rotlichter", die dessen Innenleben rot glühen lassen. Sowohl beim Signature 100 als auch beim Signature 150 finden in der Preampsektion eine selektierte "First Quality"ECC83/12AX7, eine weitere speziell ausgesuchte 12AX7 sowie zwei Standard ECC83/12AX7 Verwendung. Bei der 100 Watt-Endstufe kommen vier selektierte 6L6GC-Röhren zum Einsatz, während die große Ausführung mit einem KT88/6550Quartett an den Start geht. In der 1.590,- DM teuren 4x12"-Box verwendet Engl mittig-straffe Celestion G12-"Vintage 30". Innerhalb des mit einem stabilen Frontgitter geschützten Gehäuses sind je zwei Speaker umgekehrt verlötet, so daß man bei einer Belastbarkeit von 200 Watt eine Impedanz von 8 Ohm erhält, im Stereo-Mode hingegen 2x 100 Watt an 16 Ohm. Die Schallwand der beiden oberen Lautsprecher ist nach bekanntem Vorbild zugunsten einer breiten Abstrahlcharakteristik abgewinkelt.


SOUNDS


Beide Amps entwickeln einen glockigen und ausgeglichenen Cleansound, der zerrfrei bleibt. Hierbei kompensiert die Leistung des Signature 150 die etwas "härtere" Charakteristik der KT88-Endröhren: Selbst bei hohen Lautstärken ist die Wiedergabe noch warm und rund. Auch im Hi Gain-Betrieb überzeugen beide Amps mit feinnervigem Crunch. Im Lead-Mode schließlich erzeugen die EnglTops erstaunlich obertonintensive Sounds; mit Lead Presence und Contour kann man sich durch die verschiedenen Jahrzehnte der Rockgitarrensounds bewegen, wobei der 150er dank höherer Reserven mehr Spielraum, Druck und Dynamik bietet. Andererseits verwandelt der kleine Bruder Leadsounds früher in ein fettes Brett, was wegen der Endstufenkompression seinen Reiz hat. Etwas störend sind allerdings die leichten Klickgeräusche bei der Hi/Lo Gain-Umschaltung.

Oliver Steller und Jörg Kube, Fachblatt Music Magazin 05/97







WORKSHOP: LAZY


Den Abschluß unseres Blackmore-Specials bildet die Transkription eines herrlichen Solos, mit dem der Meister LAZY garnierte. Der Klassiker findet sich auf Deep Purples '72iger Album "Machine Head". Die Transkription beginnt auf der CD bei Minute 2.03 und endet exakt 60 Sekunden später. Vor euch liegen also das Thema von LAZY (A) und die drei darauffolgenden Solo-Chorusse von Ritchie (B - D). Das Thema besteht aus drei verschiedenen, von Gitarre und Orgel unisono gespielten Motiven, denen die F-Bluestonleiter zugrunde liegt. Das Solo läuft anschließend über einen Blues in F-Moll.

Blackmores Solo besteht zum größten Teil aus dem Material der Bluestonleiter - hauptsächlich in F, teilweise auch in C (Takt 9/10 im B-Chorus). Rhythmisch gesehen ist LAZY ein Shuffle und die Phrasierung entsprechend ternär, d.h. triolisch. Typisch für Blackmores rhythmisches Spiel ist der Wechsel von Triolen- und Sechzehntelphrasen (beispielsweise im 3./4. Takt von D). Bei diesem Tempo ist das keine leichte Angelegenheit, d.h. langsames Einüben und Geduld sind gefragt.

Ein hervorragendes Mittel, um Spannungsmomente zu erzeugen, ist der Einsatz von repetierenden Figuren, wie sie Blackmore - mit leichten Variationen - fast den kompletten letzten Chorus spielt. Das Solo besticht nicht zuletzt durch seinen Aufbau: beachtet beispielsweise die motivische Ähnlichkeit der Anfangs - und Schlußphrase. Ebenso interessant ist es, das Solo nach einzelnen, in sich geschlossenen Motiven zu durchforsten, um festzustellen, daß Ritchie Blackmore nicht einfach drauflos fegt, sondern eine zusammenhängende Geschichte aus einzelnen Sätzen beziehungsweise Phrasen erzählt. Beispiele im B-Chorus: Motiv Nr.l von Takt 1 - 4 ; Motiv Nr. 2 von Takt 5 - 6 ; Motiv Nr. 3 von Takt 7 - 8. Ich denke, aus der Transkription und Tabulatur wird alles weitere deutlich - Fingersätze sind wie immer Vorschläge, und all denen, die das Solo ernsthaft studieren und üben wollen, sei natürlich das Hören der Originalaufnahme ans Herz gelegt.





Frank Sichmann, Fachblatt Music Magazin 05/97