Schwatz Kasten heute mit

Ritchie Blackmore



Der Name Ritchie Blackmore ist aus der Musikgeschichte nicht mehr wegzudenken. Von Deep Purple über Rainbow bis hin zu seinem aktuellen Projekt Blackmore's Night hat er alle Dimensionen der Musik ausgelotet. Dach so unbestritten seine kreative Kompetenz auch ist, dem Magier der sechs Saiten eilt zugleich der Ruf voraus, schwierig, arrogant, unfreundlich und eingebildet zu sein.

* Wo wurdest du geboren?

In Weston-Super-Mare in England. Im gleichen Ort kam übrigens auch John Cleese von Monty Python zur Welt, den ich sehr bewundere. Als ich zwei Jahre alt war, zog meine Familie nach Heston in der Nähe von London. Dort ging ich zur Schule und hatte im Alter von elf Jahren Ein Schlüsselerlebnis: Ein Schulkamerad brachte seine superbillige Gitarre mit in die Schule, und ich war wie hypnotisiert. Ich mulste einfach eine Gitarre haben! Es war fast wie bei einer Frau, die man sieht und die einen nicht mehr losläßt. Nachdem ich meine Eltern überzeugt hatte, mir das Geld zu geben, schleppte ich meinen Vater zu einem Gitarrenladen, und er sagte zu mir: Wenn du nicht lernst, Gitarre zu spielen, werde ich das Teil auf deinem Kopf zertrümmern!"

Mit 18 kam ich zum ersten Mal nach Deutschland, als ich mit Jerry Lee Lewis im Hamburger Starclub spielte. Ich spürte damals, daß etwas Einschneidendes passiert war: Ich hatte das Gefühl, zu Hause zu sein, und seit jenem ersten Besuch 1963 war ich immer bestrebt, nach Deutschland zurückzukommen. England fand ich von Anfang an langweilig. Ich liebte es, wie man in Deutschland heftig arbeitete, heftig spielte und heftig trank.

* Welche drei Worte würdest du wählen, um dich zu beschreiben?

Launisch, mißtrauisch, aufrichtig. (Diese Auswahl wurde mit kräftiger Unterstützung seiner Freundin/Souffleuse Candice Night getroffen - d.Verf.)

* Was ist deine größte Stärke?

Meine Trinkfestigkeit... Ernsthaft! Und Angst - ich liebe es, mir Sorgen zu machen. Viele Menschen sehen dies als Schwäche an, aber das ist komplett falsch: Meine Angst treibt mich voran und verhindert, daß ich in Lethargie verfalle. Ein weiser Mann bereitet sich in Friedenszeiten auf den Krieg vor.

* Gehörst du zu den Nacht- oder Tagmenschen?

Ich bin ein Frühaufsteher. Ich springe meist um sechs in der Früh aus dem Bett und gehe einkaufen. Oh ja, ich liebe es, früh aufzustehen... Nein, alles Blödsinn. Ich stehe nie vor zwölf auf, denn ich halte den Morgen für völlig überflüssig. Ich glaube, daß der Niedergang unserer Gesellschaft darin begründet liegt, daß alle Menschen früh aufstehen müssen (sehr interessant... -Red.). Es wäre durchaus möglich, seinem Job von zwölf bis sechs nachzugehen. Niemand will früh aufstehen, denn die Menschen bringen sich dadurch um den nötigen Schlaf. Ich gehe meist gegen drei Uhr ins Bett und schlafe dann neun bis zehn Stunden. Viele Menschen behaupten, sie würden gerne den Sonnenaufgang sehen. Ich hingegen genieße die Stille und das Mysterium der Nacht.

* Bist du ein religiöser Mensch?

Ich wurde als Protestant erzogen, und das beschreibt mich sehr gut: Ich protestiere, ich wehre mich gegen jede Religion. Ich glaube, daß Religion eine Methode ist, um Geld aus den Menschen herauszupressen. Alles scheint sich um Gottesfurcht, nicht jedoch um die Liebe zu Gott zu drehen. Ich bin ein sehr spiritueller Mensch, der auf der Suche nach Gott ist, und nehme zum Beispiel an vielen Seancen teil.

* Was ist deine Lieblingsfarbe?

Grün. Ich weiß, daß jedermann denkt, Schwarz sei meine Lieblingsfarbe. Falsch! Ich liebe Grün, denn Grün ist die Farbe des Lernens, die Farbe der Natur.

* Woher rührt dein Faible für mittelalterliche Musik, das du bei Blackmore's Night auslebst?

Ich war schon immer verliebt in die deutsche Architektur und mittelalterliche Bauwerke. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich bei Vollmond über das Kopf steinpflaster von Rothenburg wandeln. Es ist mein Traum, eines Tages in einem solchen Städtchen zu leben. Aber vielleicht ist es besser, den Traum nicht zu verwirklichen und stattdessen gelegentlich zu Besuch zu kommen, um neue Eindrücke in sich aufzunehmen. Meine musikalischen Wurzeln liegen ebenfalls in Deutschland: Die Musik von Bach oder Beethoven ist so unglaublich heavy, es gibt auf der Welt nichts Vergleichbares.

Bei euch stieß ich auf mittelalterliche Musik: Es war so um '86 herum, als Freunde mich zu einem Essen auf eine Burg einluden, wo Des Geyers Schwarzer Haufen (eine schwäbische Formation, die sich mittelalterlichen Sounds verschrieben hat - d.Verf.) auftraten. Von diesem Moment an wußte ich, daß ich ein Minnesänger sein und nicht in einer Rock'n'Rall-Band spielen will. Wir traten damals in riesigen Arenen auf, aber da war kein Gefühl, kein Herz. In dieser Situation sah ich Des Geyers Schwarzer Haufen und spürte, welche Einheit sie bildeten, mit welcher Leidenschaft sie spielten. Sie legten den Grundstein für Blackmore's Night, denn seit diesem Tag wußte ich, daß ich diese Musik spielen will.

Doch zuerst lernte ich noch meine Verlobte Candice kennen. Ich saß eines Tages zu Hause und spielte mittelalterliche Stücke. Sie begann spontan, dazu zu singen, und ich war sofort wie elektrisiert. Blackmore's Night besitzen für mich klare Priorität, weil das Projekt mich inspiriert und kreativ fordert. Rainbow im Original-Line-up hingegen sind nur eine Idee, die neu aufgewärmt wird. Ich habe die Songs früher schon mal gespielt und könnte sie jederzeit wieder spielen. Im Moment habe ich dazu aber überhaupt keine Lust.

Ich versuche stets, mich zu verbessern. Ich bin sicherlich kein Perfektionist, aber wählerisch. Sobald ich entdecke, daß ein Musiker in meiner Band nicht gut genug ist, mull er gehen, denn ich erwarte auch, daß man mich aus der Band kickt, wenn ich nicht gut spiele. Viele Truppen bleiben aus Gewohnheit zusammen oder weil die Plattenfirma es ihnen nahelegt. Ich kann das nicht tun. Daher hatten Rainbow so viele Besetzungswechsel. Allerdings ist niemand aus freien Stücken ausgestiegen, abgesehen von unserem Roadie Ian Fergusson. Alle anderen wurden rausgeworfen.

Die Rainbow-Reunion wird mir zwar von verschiedenen Seiten aus businesstechnischen Gründen ans Herz gelegt, aber ich empfinde seit jeher eine Haßliebe fürs Business: Ich hasse es, daß mir jemand erzählt, was ich wie und wo zu spielen habe; ich hasse es, daß mir eine Plattenfirma vorschreibt, daß ich dies tun, das spielen und jenes vermarkten muß; ich hasse es, wie die Musik vom Marketing übermannt wird. Die logische Konsequenz: Wir haben Bands wie die Spice Girls, die am Reißbrett entworfen und bis ins letzte Detail durchkonzipiert wurden. Die Labels interessieren sich nicht im geringsten für gute Bands.

* Was würdest du als Programmdirektor bei MTV ändern?

Sprichst du von Marketing Television? Ich würde es in Music Television zurückverwandeln, jeder Band eine faire Chance geben und die Heavy Rotation abschaffen. Außerdem würde ich kein Geld von den Plattenfirmen nehmen, um die gewünschten Clips zu pushen, sondern alle Tracks spielen, die in dieser Woche veröffentlicht wurden,, so daß die Leute selbst entscheiden können, was ihnen gefällt.

* Welches Stück soll auf deiner Beerdigung laufen?

'Jesus bleibet meine Freude' von Johann Sebastian Bach (BMV 147 - d.Verf.)

* Mußtest du schon mal hinter swedischen Gardinen nächtigen?

Ja, 1976 in Österreich. Das Publikum ging bei unserem Gig fantastisch mit. In der ersten Reihe stand ein Mädel, das völlig ausflippte, aber friedlich war. Die Security bestand aus Polizisten, und einer der Ordner schlug mit einem Schlagstock gnadenlos auf ihren Kopf ein. Ich ging auf ihn zu und forderte ihn auf, damit aufzuhören, aber er schlug immer wieder zu. Also trat ich nach ihm, traf sein Gesicht und zertrümmerte dabei seinen Unterkiefer. Der Typ ging zu Boden, und binnen Augenblicken wurden alle Ausgänge von Polizisten versperrt. Während der Zugabe rannte ich von der Bühne und sprang in ein Flightcase, das mein Roadie bereithielt. Das Licht ging an, die Cops stürmten Richtung Backstage-Bereich, Hunde bellten - es war wie im Film. Sie wollten mir eine Lektion erteilen, und es schien, als sei jede Knarre in der Stadt hinter einem Massenmörder her. Die Crew behauptete, ich sei zum Bahnhof geflüchtet, und meine Verfolger rasten mit Motorrädern dorthin. Derweil rollten mich die Roadies nach draußen, und just in dem Moment, als sie das Case in den Truck laden wollten, kamen zwei Polizisten und wollten die Kiste auf ihren Inhalt überprüfen. Sie öffneten die Kiste, und wenige Sekunden später hatte ich eine nette Übernachtung mit Vollpension gewannen. Ich wurde geschlagene vier Tage festgehalten, die man mir nach allen Regeln der Kunst versüßte: Ich wurde die ganze Zeit über vom Schlafen abgehalten, mit einem absoluten Schlangenfraß gefüttert etc. Ich kam mir vor wie ein Kriegsgefangener und durfte als Krönung 10.000 Dollar für diesen Service hinblättern.

* Welche drei Dinge würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen

Logischerweise eine Gitarre. Außerdem meine Frau und genügend Essen. Ja, ich glaube, so könnte ich es ein paar Tage aushalten.

* Hast du jemals ein Auto geschrottet?

Nein, denn ich fahre kaum Auto. Ich glaube, ich habe seit mindestens sechs Jahren nicht mehr hinterm Steuer gesessen. Ich hatte in meinem Leben nur einen Unfall: mit einem Fahrzeug eines chinesischen Bringdienstes, das beim RückwärtsEinparken in mich reindonnerte.

* Was war der schlimmste Gig, dan du bislang spielen mußtest?

Ein Konzert ist mir besonders negativ in Erinnerung geblieben: 1993 mit Deep Purple im NEC in Birmingham, wo das "Come Hell Or High Water"-Video mitgeschnitten wurde. Dazu gibt es eine lange Vorgeschichte: Unser Song 'Anya' begann in Deutschland durchzustarten, und wir brauchten möglichst schnell ein Video, um die Single pushen zu können. Unsere Plattenfirma hingegen wollte erst sechs Wachen später ein Livevideo mitschneiden. Ich wuffte jedoch, daß Ian Gillan wie immer spätestens nach einer Woche seine Stimme verlieren würde. Als der Videodreh dann anstand, sollte mit sechs Kameras gefilmt werden, die teilweise direkt auf der Bühne standen. Ich wehrte mich dagegen, weil es eine Frechheit ist, daß die Fans ein Heidengeld bezahlen und dann den Rücken eines Kameramannes bestaunen können. Also versicherte mir das Team, daß die Kameras von der Bühne verschwinden würden.

Der Gig begann gleich mit einem Koordinationsfehler: Ich war noch im Umkleideraum, doch Ian Paice wußte nichts davon und spielte den ersten Song an. Ich flitzte durch die Gänge und rannte dabei beinahe die Kamera um, die natürlich doch auf der Bühne stand. Also hörte ich sofort wieder auf zu spielen, weil ich wußte, daß es so nicht weitergehen kannte. Erneut wurde mir versprochen, daß die Kamera verschwindet. Ich ging zurück auf die Bühne, und das Ding war immer noch da. Daher warf ich einen Becher Wasser mitten auf die Kameralinse, wie man in dem Video sehen kann.

Aber es gab nach viele andere miese Shows. Sowohl mit Deep Purple als auch mit Rainbow spielte ich Konzerte, bei denen ich mich extrem unwohl fühlte - weil wir müde waren, weil wir nicht gut spielten, weil es mies klang, weil nichts funktionierte. Bei diesen Auftritten weigerte ich mich dann meist, eine Zugabe zu spielen. Deshalb wurde mir nachgesagt, ich würde die Fans übers Ohr hauen. In Wirklichkeit hätte ich die Fans aber betrogen, wenn ich noch mal rausgegangen und das Desaster fortgesetzt hätte. Ich spiele liebend gerne Zugaben, wenn das Feeling stimmt, aber ich weigere mich, wenn der Gig beschissen war. Für mich ist es wichtig, stets hundertprozentig aufrichtig zu sein. Deshalb wurde ich oft als ungezogener Junge gebrandmarkt; ich war immer das schwarze Schaf. Das hat mich jedoch nie gestört, ganz im Gegenteil: Ich mag es, gegen den Strom zu schwimmen

Stefan Glas, Rock Hard 1997