Ritchie Blackmore

Vibrationen einer Seele
Metal Hammer Interview Part 1



Er ist zweifellos der berühmteste Gitarren-Virtuose des modernen Rock: RITCHIE BLACKMORE. Er ist aber auch eine Persönlichkeit, die unter die - einmal sehr vorsichtig ausgedrückt - Rubriken 'Nicht pflegeleicht!', 'Nicht besonders gesprächig!' und 'Nicht gerade sehr umgänglich!' fällt. Um so verblüffender war es für ANDREAS SCHÖWE, daß ihn der Meister höchstselbst (!) als einzigen Vertreter (!!) der europäischen Metal-Presse zu einer völlig tabulosen (!!!) Seance in sein Stamm-Restaurant 'Normandie Inn' auf Long Island, anderthalb Autostunden von Manhatten entfernt, einlud...

Wenn du wenigstens fünf Minuten mit dem Interview durchhältst, Ritchie dich erst dann rausschmeißt, ist das ein voller Erfolg! Dann kannste dir ordentlich 'n Bunten auf New Yorks 42. Straße (der Reeperbahn von Manhattan - d.Red.) auf Betriebskosten machen! Bitte! Nur fünf Minuten, Mann!!!" waren unter anderem die aufbauenden Worte, die einem redaktionsintern kurz vor dem Abflug Richtung N.Y. auf den Weg mitgegeben wurden. Wunderbar! Nur die eigene Erschießung ist schöner! Die ist schneller vorbei!

Es kam natürlich gaaanz anders: Zweieinhalb Stunden Interview, erst um 4.00 Uhr morgens wieder in Manhattan zurück - und alles (inklusive Hotelbar) schon zu. Dabei fing der ganze Spaß weniger verheißungsvoll an: Am Nachmittag hieß es noch, Ritchie befände sich nicht gerade in einem umwerfenden Stimmungshoch und die Foto-Session sei nicht 100%ig sicher. Natürlich mußte sich am Abend auf dem fraglichen 'Express Way 495' ausgerechnet auf unserer Spur ein Unfall ereignen: Stau - 20 Minuten zu spät zum Interview-Termin... Scheiße...

"Ich bin froh, daß ihr zu spät kommt", meint der Gitarrengott zuvorkommend, "denn ich war auch noch nicht ganz so weit!" - Sachen gibt's!!!
Doch dann, schlägt der 'schwarze Mann' den mitgebrachten METAL HAMMER 8/93 mit dem bewußten [an Gillan-Zitat auf Seite drei auf: "Diese Fragen beantworte ich nicht, sonst werde ich wieder gefeuert!". Und das Zitat "Ich habe Blackmore völlig ignoriert!" sticht auch noch sofort ins Auge. Scheiße! War das das Ende jeglicher Kommunikation? Doch wie gesagt: Es kam gaaanz anders: "Was hat er gesagt? Ach so! Schööön!"

Die Frage "Ahm, wie meinen?" spart man sich in dieser Situation geflissentlich. Und irgendwie relaxte sich auf einmal die Atmosphäre in dem Kerzenschein des zumeist für Ritchie reservierten Hinterstübchen seiner Lieblings-Schlemmerstätte...

Ritchie: "Jetzt interviewe ich erst einmal DICH: Spielst du ein Instrument? Gitarre?"

M.H.: Ahm... Nein... (Auf den Gag von wegen "Ich spiele Keyboards - auf meinem Textcomputer!" verzichtet man an dieser Stelle pietätvollerweise ebenfalls, da noch mindestens vier Minuten und 45 Sekunden durchzuhalten sind...)

Ritchie: "Warum nicht?"

M.H.: Ähm... Hab's mal versucht. War aber wohl schon zu alt dafür: Mit 20 Jahren stellten die Barree-Griffe für meine steifen Finger doch wohl eine zu große Hürde dar...

Ritchie: "Man ist nie zu alt, um sich auf einem Instrument zu artikulieren! Du hast doch was zu sagen, oder? Und das ist nicht abhängig vom Alter!"

M.H.: Ja, ja... Schon... Aber du hast doch auch was zu sagen; oder? Insofern hat es mich einigermaßen überrascht, daß du jetzt hier dieses Interview zugesagt hast...

Ritchie: "Warum?"

M.H.: Ahm, weil du eine ganze Weile nicht mit der europäischen Presse gesprochen hast...

Ritchie: "Ich habe auch eine ganze Weile meinen Vater nicht gesehen geschweige denn mit ihm gesprochen! Aber ich bin sowieso nicht der Mann, der gerne Interviews gibt..."

M.H.: Weil sie mit der Zeit alle nach dem selben Routine-Muster ablaufen?

Ritchie: "Vielleicht. Auch wenn es seltsam klingen mag: Ich liebe es, für mich, meine Freunde und Fans Gitarre zu spielen. Aber ich kann mich schlecht selbst promoten. Es ist mir ein Graus, auf die Leute zuzugehen: 'Yeah! This is our new album! Es ist großartig geworden! Ihr müßt es unbedingt hören! Wow!' Natürlich ist mir bewußt, daß genau dies ein Teil des Show-Business ist... Das läßt mich jedoch völlig kalt! Ich bin wirklich nur ein Musiker- ich bin kein Entertainer in dem Sinne, und dementsprechend hasse ich es, wie ein Bestandeil dieses Biz zu handeln! Natürlich mögen jetzt wieder einige andere Musiker sagen, daß das von mir zu engstirnig gedacht ist, da ich schon etwas zu sagen habe. Und natürlich habe ich auch etwas zu sagen - aber in erster Linie als Musiker auf der Gitarre!"

M.H.: Vielleicht kannst du mich jetzt auch verstehen: Du drückst dich als Musiker lieber auf dem Instrument aus und nicht mit Worten - und bei mir ist's genau andersrum...

Ritchie: "Sicherlich. Aber Worte können im Gegensatz zur Musik sehr delikat, verletzend und politisch sein..."

M.H.: Du meinst so, wie sie beispielsweise von der britischen Presse gehandhabt werden? Denn dieses Interview ist, soviel ich reiß, das einzige, das du der europäischen Presse gibst, Klingt nach Problemen mit der britischen Journaille...

Ritchie: "Die englischen Journalisten betreiben keine faire Berichterstattung; sie respektieren nicht die Persönlichkeit ihres Interview-Partners. Mal bildlich gesprochen: Sie kommen auf dich zu, tun so, als wollten sie dir die Hand geben, stoßen dir ein Messer in den Bauch, drehen es ein paarmal um - und fragen dich mit einem scheinheiligen Lächeln: 'Na? Alles okay? Geht's dir gut?' Einen derartwiderwärtigen Zynismus habe ich nun wirklich nicht nötig..."

M.H.: Das kann man gut verstehen. Es ist aber sowieso allgemein bekannt, daß du an unserem Land einen viel größeren Narren gefressen hast als an England. Wie kommt's denn eigentlich?

Ritchie: "Stimmt. Aber ich weiß auch nicht genau, woher diese Vorliebe für Deutschland herrührt: Ich habe einen Sohn in Hamburg, ich finde eure Kultur faszinierend, und das deutsche Team spielt einen entschieden besseren Fußball als das englische! Die Engländer kicken den Ball einfach nur, eure Fußballer hingegen spielen mit einer durchdachten Strategie! Wie gesagt: Ich weiß nicht, woher meine Vor1iebe für euer Land herrührt - maybe it's the call of the heart... Zudem wurden Deep Purple in Deutschland immer sehr herzlich aufgenommen - von Anfang an, die ganzen Jahre hindurch..."

M.H.: Um genau zu sein: Es sind mittlerweile 25 Jahre. Ein Viertel Jahrhundert Deep Purple - ein Viertel Jahrhundert im Geschäft. Wo liegt für dich eigentlich noch der Reiz darin, jetzt er neut mit einem Purple-Album aufzuwarten? Ich meine, ein Mann, der zwei Gitarristen-Generationen entscheidend beeinflußt hat, könnte doch sein eigenes 'Guitar Institute of Technologie' gründen; seine Memoiren schreiben; oder junge, talentierte Bands produzieren, anstatt jetzt wieder auf Tour zu gehen und sich eine weitere Runde mit den Business-Typen herumzuärgern...

Ritchie: "Ich habe nicht die Ohren dafür, um als Produzent zu arbeiten! Und ich könnte auch aus dem einfachen Grunde keine andere Band produzieren, weil ICH nicht fühle, was andere Musiker auf IHREN Instrumenten auszudrücken versuchen! Außerdem mag ich diese frische Fun-Attitude: Wenn ich eine Band produzieren wurde, wäre aber der Spaß ziemlich schnell weg - für beide Seiten. Bei Purple ist es anders: Wir kommen mal alle paar Jahr zusammen und machen, was WIR wollen. Das funktionierte diesmal sogar besser, als wir anfangs dachten. Meistens ist es Roger, der sagt: 'Laßt uns mal wieder zusammenkommen!' Allerdings sind wir trotzdem nicht die dicken Freunde, für die uns die ganze Welt vielleicht hält - das ist mehr eine lockere Künstler-Freundschaft! Und wir alle werden danach wieder auseinandergehen und unsere eigenen Projekte verfolgen - bis uns dieser magische Ruf nächste Mal zusammenführt. Das wird dann hoffentlich wieder zu meinem 50. Geburtstag in anderthalb Jahren der Fall sein... Aber Musik ist für mich generell eine sehr persönliche Sache. Ich könnte nie und nimmer schnell in das nächstbeste Studio eilen, wenn ich glaube, eine neue, umwerfende Idee zu haben. Ich lebe diese Idee lieber für mich und meine Freunde auf meinem Instrument aus - and that's where it stops! Musik ist eine Art Vibration der Seele! Ich möchte die dinge dann meistens auch für mich behalten - was sich dann natürlich für die Öffentlichkeit zu einem kleinen Problem auswächst..."

M.H.: Wenn du die heutige Rock Szene mit dem Standard der Szene vor 20 oder 25 Jahren vergleichst - was hat sich deiner Meinung noch zum Besseren und was zum Schlechteren hin verändert?

Ritchie: "Vor 20 Jahren gab es fast ausschließlich originelle Bands, die auch etwas zu sagen hatten: Jethro Tull, Procul Harum - oder Mountain! Aber heute? Höchstens Guns N'Roses! Ihr Sänger ist ein sehr einfühliger Mensch, was er auch mit seinem Gesang auszudrücken versteht. Aber außer Guns N'Roses fällt mir heute keine weitere Band ein. Metallica? I don't see that! Okay, ich mag zwar Lars' Drumspiel - aber da hört es auch schon auf. Ich glaube auch nicht, daß man Metallica mit Jethro Tull vergleichen sollte. Jetbra Tull are too sophisticated, too clever! U2? I don't see that! Ich weiß, daß U2 ziemlich angesagt sind, für mich sind sie aber nur unterer Durchschnitt, da auf der emotionalen Schiene zu wenig rüber kommt. Heute hast du so viele Bands - ich weiß aber nicht, was die alle wollen! Das ist fast immer das gleiche mit ihnen: Keine Gefühle, keine Substanz, keine Songs, keine Ideen..."

M.H.: Also eine Art 'Generation Gap'?

Ritchie: "Ja, vielleicht..."

M.H.: In den vergangenen 25 Jahren hat sich auch im technischen Bereich eine ganze Menge getan. Wo siehst du as derlenige, der vielen Gitarristen entscheidende Impulse gab und gibt, gegenwärtig noch Reserven in der Entwicklung ihrer technischen Fähigkeiten?

Ritchie: "Technik ist eine sehr gefährliche Sache. Die meisten Gitarristen spielen heutzutage einfach nur schnell. Ich weiß aber nicht, was sie damit bezwecken, denn in künstlerischer Hinsicht kann ich da beim besten Willen keine Aussage entdecken! Daher bin ich auch froh, daß sich wieder viele meiner Kollegen darauf beschränken, sich auf ihren Instrumenten zu artikulieren; versuchen, etwas auszudrücken... Nicht auf die Schnelligkeit oder Technik kommt es an, sondern darauf, was man anderen Menschen mit seinem Instrument mitzuteilen hat: Slow down! Say something!"

M.H.: Während dieser 25 Jahre hat sich der Sound von Deep Purple kaum geändert. Habt ihr wirklich nicht einmal den Drang verspürt, etwas Neues auszuprobieren, wie es andere_Bands taten? Metallica zum Beispiel haben mit Bob Rock einen neuen Produzenten verpflichtet - und prompt haben sie damit den größten kommerziellen Erfolg ihrer bisherigen Geschichte gelandet!

Ritchie: "Wir haben niemals so gedacht - wir wollten immer wir selbst sein, eine gute Zeit miteinander haben und UNSERE Musik spielen! Verpflichten wir einen namhaften Produzenten, damit sich dann unsere Platten besser verkaufen, würden wir uns wieder den Gesetzmäßigkeiten dieses Business unterwerfen! Selbstverständlich wollen wir Rock'n'Roll machen - aber ohne uns durch dieses Biz vereinnahmen zu lassen! Und ich glaube, daß genau das heutzutage eine große Kunst ist: einfach, unschuldig und dennoch clean zu klingen! Meiner Meinung nach sind es die Leute mittlerweile leid, immer nur perfekt produzierte Platten zu hören. Ich habe mir einige dieser unter der Regie von Star-Produzenten aufgenommenen Alben angehört: Sie haben zwar die gewaltigsten Sounds - doch sie haben keine Seele; die künstlerische Aussage ist gleich Null!

M.H.: Dabei kam gerade das neue Deep Purple-Album THE BATTLE RAGES ON für viele Leute recht überraschend, hieß es doch, du würdest versuchen, nach SLAVES & MASTERS sowie der 91 er Purple-Tour deine alte Band Rainbow wieder zu reformieren...

Ritchie: "Sorry, aber das ist wirklich nur ein Gerücht! Ich hatte danach nie die Absicht, Rainbow wieder zu reformieren!"

M.H.: Warum ist jetzt aber Joe Lynn Turner nicht mehr mit dabei?

Ritchie: "Wir alle sind Rock'n'Roll Fanatiker und wollten uns diese Ader bewahren. Doch Joe versuchte, uns in die Radio-Pop-Rock-Schiene zu lenken. Natürlich ist die Idee schon gut: Wir wünschen uns ebenfalls, auch per Radio möglichst viele Menschen zu erreichen - aber nicht, wenn wir dafür unseren Sound umkrempeln müssen! Joe ist völlig von diesen bombastischen Radio-Kommerz-Sounds besessen - er will unbedingt Hits schreiben. Sicherlich hat er dabei auch hervorragende Ideen und seine positiven Momente, doch wir wollten uns da nicht auf irgendwelche Kompromisse oder gar eine soundmäßige Gehirnwäsche einlassen. Der Rest der Band hat sich dann für Ian ausgesprochen. Ich nicht: Das letzte Mal hatte er zum Beispiel fürchterlich viel getrunken und dadurch jede Menge Arger verursacht... Diesmal hat er sich aber zusammengerissen. Und dementsprechend hervorragend hat er auf THE BATTLE RAGES ON gearbeitet. Und zu Ian gibt es für uns schon alleine von der Persönlichkeit her zur Zeit kaum eine Alternative..."

M.H.: Jon Lord hat einmal sinngemäß gesagt: 'Diese Band braucht einen Sänger, der ausreichend Personality besitzt, um solche starken Charaktere, wie sie bei Purple nun einmal im Line-Up zu finden sind, auch auf der Bühne führen zu können!' Hat Joe Lynn Turner diesbezüglich versagt?

Ritchie: „Definitiv! Ich muß aber an dieser Stelle betonen, daß Joe immer noch ein guter Freund von mir ist und mir die zwei Jahre mit ihm verdammt viel Spaß gemacht haben! Und Joe ist ein hervorragender Sänger - er hat aber tatsächlich nicht die Personality, die Purple nun einmal brauchen. Ian ist ein völlig anderer Typ: Er geht auf die Bühne und er ist 'Mister Rock'n'Roll'! Er ist einfach er selbst! Genau das war Joes Problem: Wenn du ihn auf der Bühne gesehen hast, hast du dich automatisch gefragt: 'Wer ist er? Was will er? Will er jetzt einen auf Foreigner machen?' Er spielte diese David Lee Roth Party Animal-Rolle und hat damit seine eigene Identität verloren. Ich habe versucht, ihn davon abzubringen, doch das klappte leider nicht - dafür ist er dann wahrscheinlich doch zu sehr 'Mister Show-Biz'!"

M.H.: War Joe nach am songwriting für THE BATTLE RAGES ON beteiligt?

Ritchie: "Ja, er hat diesen Radio-Song geschrieben: 'Time To Kill' - das ist seine Melodie"

M.H.: Hattest du nach dem Ende der Joe Lynn Turner-Ära jemals mit dem Gedanken gespielt, David Coverdale als Sänger zu verpflichten oder gar Deep Purple im Mark III-Line-Up - also auch mit Glenn Hughes - zu reformieren?

Ritchie: "Nein, niemals! Zwar schätze ich David als Sänge sehr, doch er hat sich in eine völlig andere Richtung entwickelt, als daß er jetzt wieder bei Purple singen geschweige, denn Ian ersetzen könnte..."

M.H.: Wurde für THE BATTLE RAGES ON eigentlich noch Material verwendet, was noch von anderen Aufnahme-Sessions übrig war? 'Fortuneteller' von SLAVES & MASTERS zum Beispiel war ja so ein Überbleibsel der PERFECT STRANGERS-Produktion...

Ritchie: "Das Riff vom Titelsong stammt noch aus der Zeit um 1985. Damals hieß das Stück 'D-Tune'. Sonst aber haben wir kaum alte Ideen benutzt. Überhaupt: Ich kann nur Songs schreiben, wenn ich durch etwas inspiriert werde. Und da kann dann auch keiner vorhersagen, was dabei herauskommt. Musik ist wie das Leben: Beides muß frisch sein. Ich kann mich nicht wie meinetwegen Elton John hinsetzen und mit Vorsatz Songs schreiben! Nur das, was ich im Moment fühle, kommt in meiner Musik zum Ausdruck - straight from the heart!"

M.H.: Jon Lord hat ebenfalls einmal gesagt: Ünser klassischer Weg, Alben aufzunehmen, war immer der, live zusammen zu spielen und auf Einzel aufnahmen der verschiedene Instrumente zu verzichten." Wurde dieser 'klassische Weg' auch bei Produktion von THE BATTLE RAGES ON beibehalten?

Ritchie: "Größtenteils ja. Ich weiß, daß viele Bands dahin tendieren, alles Spur für Spur aufzunehmen - ich könnte das aber äbenfalls nie in einer solchen Art und Weisen! Eine Band hat einmal live zusammenzuspielen - wie auf der Bühne!"

M.H.: Das bedeutet aber, daß du dann während der Produktionsarbeiten zu THE BATTLE Kontakt zu Ian gehab hast...

Ritchie: Ja, ein paarmal sogar! Bei 'Anya' zum Beispiel: Ich hatte da das Riff und die melodie mit diesem ungarischen Thema... Normalerweise schreibe ich niemandem vor, über was er zu singen hat, zumal das Texten sowieso nicht mein Metier is - Ian ist da großartig: Er versteht es wie kaum ein anderer, zwei Interpretationsmöglichkeiten in den Text mit hineinzulegen! Aber in diesem Fall sagte ich zu Ian: 'Es wäre großartig, wenn du dieser musikalischen Thematik angepaßte Lyrics schreiben könntest!"'

M.H.: ...was er dann ja auch offensichtlich tat. Apropos 'Anya': 'The Gypsy von STORMBRINGER; 'Gypsy's Kiss von PERFECT STRANGER, 'Firedance' auf dem Rainbow album BENT OUT OF SHAPE - und jetzt 'Anya'...

Ritchie: "...all diese Songs haben dasselbe Thema..."

M.H.: Genau: Es sieht so aus, als hättest du eine besondere Beziehung zu Zigeunern...

Ritchie: "Ja! Musiker haben nämlich auch etwas von Zigeunern an sich: Sie sind frei, sehr einsam, wenn sie einander verloren haben, immer unterwegs..."

M.H.: Doch noch einmal zurück zu Gillan: Es scheint da ja immer noch Spannungen zwischen ihm und dir zu geben. Was sind aus deiner Sicht die Gründe für diesen andauernden Schlagabtausch? Und was macht es dir überhaupt möglich, in einer Band kreativ zu arbeiten, in der solche persönlichen Antipathien auf der Tagesordnung stehen?

Ritchie: "Geld, hahaha!"

M.H.: Wirklich nur Geld?

Ritchie: "Nein! Ian ist mir mit seinen Marotten, mit seinem ganzen Verhalten eine sehr unbequeme Person - wir passen auf der mentalen Ebene einfach nicht zusammen. Ich weiß: Ich bin auch nicht gerade einfach - but Ian is crazy! Andererseits ist er ein hervorragender songwriter, der eine ganze Menge zu sagen hat. Ian ist zudem auf der Bühne sehr ehrlich, er versucht nicht, jemand anders zu sein. Und genau damit ist er eine erfrischende Note in der heutigen Rock'n'Roll-Landschaft! In musikalischer Hinsicht passen wir daher sehr gut zusammen, denn auch ich bin nur ich selbst auf der Bühne und drücke mir nicht meinetwegen den Steve Vai-Trip drauf! Aber sobald Ian und ich die Bühne verlassen - we don't work off stage! Zu keiner Zeit!"

M.H.: Aber wie kann denn dann eine Band wie Deep Purple überhaupt Songs schreiben?

Ritchie: "Ganz einfach: Auch wenn ich ihn als Menschen überhaupt nicht leiden kann - ich respektiere Ian als Musiker. Umgekehrt gilt dasselbe für Ian. Doch diese Spannung, dieser gegenseitige Respekt spornt uns zu kreativen Höchstleistungen an: Wenn ich ihm etwas zum Ausarbeiten gebe, will er sich gerade vor mir nicht die Blöße geben - und umgekehrt ich mir natürlich nicht vor ihm!"

Soweit der erste Teil dieses exklusiven Interviews. Mehr in unserem nächsten Heft. Und soviel darf jetzt schon verraten werden: Ritchie gab auch auf alle anderen Fragen offen, ehrlich und zuvorkommend ohne jegliche Einschränkungen Auskunft...


Andreas Schöwe, Metal Hammer September 1993