Ritchie Blackmore

And The Interview Rages On
Metal Hammer Interview Part 2



Kurz & Bundig: Teil Zwei des Exklusiv-Interview mit RITCHIE BLACKMORE. Und auch diesmal nimmt der DEEP PURPLE-Gitarrist ANDREAS SCHÖWE gegenüber kein Blatt vor den Mund und antwortet auf alle Fragen ohne Einschränkungen...

M.H.: Dein langjähriger Equipment-Designer John 'The Dawk' Stillwell sagte mir ein mal: "Nichts gegen Ritchie Blackmore! He's a very nice person, but also a strong personality and an absolute perfectionist! Es ist nur schade, daß ihn die meisten Leute falsch verstanden haben!" Was sind deiner Meinung die Gründe dafür, daß dich die meisten Leute mißverstehen und wie gehst du damit um?

Ritchie: "I like it! Ich habe es ja im Prinzip auch so herausgefordert! I don't believe in bullshit - dadurch habe ich jede Menge persönliche Konflikte mit den unterschiedlichsten Leuten - und manchmal sogar mit meinen Freunden! Außerdem bin ich absolut nicht der Typ, der herumschleimt: 'Du mußt jetzt besonders nett zu den Journalisten sein, damit sie was tolles über dich schreiben!'; oder: 'Du mußt jetzt besonders nett zu dem und dem sein, weil das der Boss deiner Plattenfirma ist!' Blödsinn! Das einzige, was ich machen muß, ist Musik! Vorhin sagte ich ja schon: Ich bin Musiker - und kein Entertainer, der seine neue Platte markig anpreist: 'Das ist unser großartiges, neues Album, bla, bla, bla!'. In genau dieser Weise habe ich absolut nichts zu sagen, und unter anderem diese Schweigsamkeit fassen viele Leute falsch auf. Oder die Geschichte mit 'This is the head of your record company...': Ich sage da nicht 'Nice to meet you!', denn das ist für mich auch gar nicht 'nice', ihn zu treffen: Ich sehe nämlich all die Musiker, die von solchen Leuten nicht einmal die Spur einer Chance bekommen, eine Platte aufzunehmen; die von solchen Leuten zugrunde gerichtet werden... Für solche Leute kann ich nicht im geringsten Respekt empfinden, und da sage ich dann auch gerade heraus: 'You mean nothing to me!'. Natürlich bin ich mir auch bewußt, daß wir uns mit diesen Leuten über geschäftliche Fragen - und nur solche - unterhalten müssen, da wir ja in gewisser Weise auch ein Teil dieses Biz sind und uns da somit leider nicht völlig raushalten können - aber als Menschen bedeuten mir diese Leute tatsächlich Mabsolut nichts! Außerdem bin ich auch sehr stimmungsabhängig: Wenn ich zum Beispiel am Morgen aufstehe und fühle, daß ich an diesem Tag nichts zu sagen habe - warum sollte ich dann am Abend Interviews geben? Noch dazu jemandem, der vielleicht nur mit mir sprechen will, weil es lediglich sein Job ist und der die Persönlichkeit seines Gegenübers nicht respektiert? Tja, und so kommt es, daß es heißt: 'Ritchie is strange!' Sicherlich ist diese meine Denkweise etwas ungewöhnlich und nicht immer sehr hilfreich - aber sie ist ehrlich! I can't be nice to somebody I don't respect!"

M.H.: Gerade mit deiner englischen Heimat scheinst du ja mächtig im Clinch zu liegen, denn Deep Purple geben im Rahmen der THE BATTLE RAGES ON-Tour nur fünf Konzerte auf den britischen Inseln. Dem stehen, wenn ich da auf dem aktuellsten Stand der Dinge bin, zwölf Auftritte in Deutschland gegenüber!

Ritchie: "Nein, das ist nur eine organisatorische Frage! Ich würde schon gerne ein paar Mal mehr in meiner Heimat spielen...

M.H.: Wirklich? Ich meine, während der SLAVES & MASTERS-Tour 1991 drang die Kunde von dort zu uns durch, daß du dich geweigert hättest, in England Zugaben zu spielen...

Ritchie: "Wo soll das gewesen sein?"

M.H.: Soviel ich weiß in London...

Ritchie: "Hm, mit London habe ich generell riesige Probleme... Vorweg muß ich aber eins klarstellen: Ich spiele niemals eine Zugabe, weil sie von mir erwartet wird oder weil es einfach zum 'Job' dazu gehört, sondern weil ich fühle, daß das Publikum mit mir auf demselben emotionalen Level ist, so fühlt wie ich und mich dadurch zu weiteren Emotionsausbrüchen auf der Gitarre anspornt. Eine Zugabe ist etwas Besonderes für mich! Und wenn ich diese Besonderheit fühle, ist es auch kein Problem für mich, 15 Zugaben zu spielen! In London habe ich dieses besondere Gefühl nie gehabt. Im Gegenteil: Ich werde in London, der Wembley Arena, solange nicht mehr spielen, bis dort die Reservierung der ersten 20 Jahren für 'V.I.P.-Gäste' abgeschafft worden ist! Unsere richtigen Fans sitzen dort ab Reihe 21, obwohl sie die ersten sind, die sich beim Ticketvorverkauf angestellt und die ganze Nacht die Beine in den Bauch gestanden haben! Und genau das will ich nicht: Ich will nicht irgendwelche verwöhnten Töchterchen oder Söhnchen von Regierungsbeamten dort vorne sehen, die ihr Ticket von Papi zugeteilt bekommen und mal gerade so gnädig sind, aus Langeweile zu einem Purple-Konzert zu gehen, weil sie gerade nichts Besseres vorhaben - that pisses me off! Ich will da vorne unsere richtigen Fans sehen! Bruce Springsteen hat übrigens dasselbe Problem. Und da wir beide das alles leider nicht ändern können, spielen wir nicht mehr dort, sondern in Brixton - für unsere echten Fans nicht allzu weit, doch zu weit für die sogenannten 'Besonderen Gäste'! Das also zum Thema 'London'..."

M.H.: Da wir gerade da bei sind, Licht in das Dunkel der Gerüchteküche zu bringen: Der Mixer der letzten Warrant-Tour, David Kirkwood, erzählte meinem Kollegen, daß du "somewhere in Scandinavia" während einer Rainbow-Tour angeblich 'keinen Bock aufs Publikum" gehabt hättest und du demzufolge den ganzen Gig hindurch aus der Garderobe gespielt hättest...

Ritchie: "Stimmt nicht! Das war 1968 oder '69 in London! Die Bühne hatte dort in dem kleinen Club nur Schreibtischgröße, und ich hatte absolut keinen Platz, mich auch noch auf die Bühne zu stellen geschweige denn zu bewegen! Und David war damals auch noch nicht bei uns, er kam erst später... Aber das ist zugegebenermaßen eine Anekdote, die von jedem gerne weitererzählt wird..."

M.H.: Wenn ich die Set-Listen sämtlicher Deep Purple-Live-Alben vergleiche, fällt mir auf, daß ihr euer Programm offensichtlich so gut wie gar nicht ändert: Alte Klassiker wie 'Smoke On The Water', 'Strange Kind Of Woman', 'Space Truckin", 'Lazy' und 'Child In Time' scheinen maximal um die neueren Gassenhauer 'Perfect Strangers' und 'Knocking At Your Back Door' angereichert worden zu sein...

Ritchie: "Wir sind nun einmal einerseits eine ziemlich faule Band, die nicht gerne auf der Bühne herumexperimentiert. Andererseits haben wir meistens den Eindruck gewonnen, daß das Publikum gerade auf diese Klassiker nicht verzichten möchte - da bleibt nun mal nichtviel Platz für andere Songs!"

M.H.: Ja, aber ich würd' mir schooon mal so ein paar Überraschungen wünschen - Songs, die meiner Meinung nach genauso stimmungsvoll wie vernachlässigt und völlig unterbewertet worden sind: 'Sail Away' von BURN zum Beispiel; oder 'Pictures Of Home' von MACHINE HEAD...

Ritchie: "Hm, 'Pictures Of Home'... Ich muß gestehen, daß ich ein ziemlich vergeßlicher Mensch bin und dementsprechend kaum noch weiß, wie man diese alten Songs spielt! Das trifft übrigens auch auf die neueren Stücke zu - für mich ist es schon fast wieder so, als hätte ich unser neues Album noch gar nicht gehört! Ich muß also bei unseren Proben fast von vorne anfangen! Aber 'Pictures Of Home'... Vielleicht sollten wir das Stück tatsächlich mal live spielen!?"

M.H.: Kleine Zwischenfrage - da wir gerade sowieso ganz tief in der Purple-Vergangenheit wühlen: Was machen eigentlich euer erster Sänger Rod Evans, euer erster Bassist Nick Simper und Derek Lawrance, der das Debüt SHADES OF DEEP PURPLE produziert hat?

Ritchie: "Nick ist Gemüsehändler, Rod Löwenbändiger irgendwo in Kalifornien, und Derek - no idea!"

M.H.: Okay, zurück in die Gegenwart: Welches Mitspracherecht in geschäftlichen Dingen hat ein Musiker deines Statusses generell? Dürft ihr frei entscheiden, welche Bands ihr mit auf Tour nehmt? Habt ihr Einfluß auf die Auswahl bestimmter Songs als Single oder Video-Clip?

Ritchie: "In Sachen Support-Band setze ich mich mit meinem Manager zusammen: Ich möchte gerne gute Freunde oder Bands mit auf Tour nehmen, die uns wirklich unterstützen, helfen. Da einige deutsche Konzerte teilweise nahezu ausverkauft sind, brauchen wir in diesem Falle keine Rücksicht auf die Frage zu nehmen, ob die von uns gewünschte Support-Band die Ticketverkäufe zusätzlich ankurbeln könnte oder nicht. Generell kann ich sagen, daß ich schon gerne die Kontrolle über bestimmte Dinge habe..."

M.H.: Wie sieht das denn dann beispielsweise mit der Single 'Child In Time' aus, die damals in den Benelux-Ländern erschien? Dort wurde der Song in der Mitte ausgeblendet, um auf der B-Seite mit einer Einblendung fortgesetzt zu werden. Hast du da nicht Schreikrämpfe bekommen, als du gehört hast, wie eine deiner Prunk-Kompositionen so einfach und pietätlos zerpflückt wurde?

Ritchie: "Nein, denn ich bin mir bewußt, daß die verschiedensten Leute meine Musik unterschiedlich aufnehmen. Als Fan würde ich mich natürlich darum bemühen, mir die 'richtige' Version in meinen Schrank stellen zu können. Aber alles in allem ist die Frage der Single-Auskopplungen Angelegenheit der Plattenfirma: Ihr Job ist es, die Platte zu promoten!"

M.H.: Ist es dir dann aber nicht wenigstens möglich, deinem Sohn Jürgen Blackmore und seiner Band Superstition etwas mehr in geschäftlichen Dingen wie meinetwegen in Vertragsverhandlungen mit Plattenfirmen unter die Arme zu greifen?

Ritchie: "Nein! Mein Vater konnte mir damals nicht helfen - und ich kann Jürgen nicht helfen! Das ist auch richtig so, denn die Söhne müssen gerade in diesem schwierigen Business ihren eigenen Weg, ihre eigene Nische und ihren Umgang damit finden! Plattenfirmen scheren sich sowieso einen Dreck darum, was ich ihnen empfehlen würde - die Leute dort haben ihre eigenen Vorstellungen: Sie suchen stets das, was gerade angesagt ist - und genau das mag ich wiederum nicht!"

M.H.: Die letzte Frage kann natürlich nur diese sein: Wie lange glaubst du, noch mit Deep Purple weitermachen zu können und wann wäre für dich der Zeitpunkt gekommen, zu sagen: 'Okay, das war's! It's time to go!'?

Ritchie: "Selbstverständlich bin ich mir bewußt, daß wir nicht noch einmal 25 Jahre vor uns haben - aber die 30 werden wir wohl noch vollmachen! Ich sagte ja vorhin schon: Jeder verfolgt zwischenzeitlich seine eigenen Projekte. Nach dieser Tour werde ich zum Beispiel eine neue Band auf die Beine stellen - Roger und Jon sind da sogar möglicherweise mit involviert. Und vielleicht kommen wir in zwei, drei Jahren an den Punkt, wo wir sagen werden: 'Let's do something with Purple again!'. Wir fünf sind uns nicht derart spinnefeind, wie viele vielleicht denken mögen: Wir alle haben ein wohl ausbalanciertes Verhältnis zueinander, das es uns gestattet, von Zeit zu Zeit wieder zusammenzukommen - wie Magneten, die sich ab und zu gegenseitig anziehen. Anders hätten wir diese 25 Jahre wohl auch nicht durchstehen können. Und all das hat sowohl für unsere Persönlichkeiten als auch für das Publikum, unsere Fans, eine sehr erfrischende Note: Unsere Freunde haben seit ein paar Jahren 'Child In Time' nicht mehr live gehört - und nun ist es wohl wieder mal an der Zeit! Ich weiß ja, wie das mit mir ist: Ich würde gerne mal wieder Procul Harum oder Cream live sehen! Sicherlich: Nicht jedes Jahr, denn das wäre langweilig! Aber wenigstens einmal alle fünf Jahre die guten, alten Songs hören? Exciting! Denn du knüpfst an bestimmte Songs gewisse Erinnerungen, und Erinnerungen sind sehr wichtig für das Leben, für die Seele! Und das Gute am Rock'n'Roll ist: Er kann dir diese Erinnerungen bieten, denn Rock'n'Roll ist ein Leben für sich - und keine Modeerscheinung!"


Andreas Schöwe, Metal Hammer September 1993