Ritchie Blackmore

Music Express Interview 1979



Interviews mit amerikanischen Zeitschriften hatte er rundweg abgelehnt. Doch hier in Los Angeles, mitten drin in seiner zweimonatigen US-Tournee, verspürte Ritchie Blackmore, sonst wortkarg und mürrisch, plötzlich den Drang zur deutschen Seele. Deutschland hat er nämlich ins Herz geschlossen, vor allem Hamburg, wo er vier Jahre gelebt hat. Vielleicht, so verriet er, wolle er sich dort sogar ein Apartement kaufen, gegen das er dann gegebenenfalls seinen jetzigen Wohnsitz in Long Island eintauschen will. Während also die dupierten US-Reporter mit Roger Glover vorlieb nehmen mußten, lud Ritchie den ME zum lockeren Interview beim Dinner ein. Was er zwischen Aperitif und Dessert (schmatz, rülps!) zu sagen hatte, lest ihr..... ab hier:

ME: Um gleich zum Kern des Problems zu kommen: Innerhalb der Rockmusik bist du einer der letzten, die noch Rock mit Klassik zu verbinden suchen. Machst du das eigentlich, weil du deinen einmal entwickelten Stil nicht mehr verlassen willst - oder gibt dir klassissche Musik auch heute noch echte Anstöße?

Ritchie: Klassik ist nach wie vor meine Lieblingsmusik, sie regt mich an, ich finde die Hingabe und Disziplin un dieser Musik einfach enorm. Ich fühlte gleichermaßen Neid und Respekt gegenüber klassischen Musikern, die diese Hingabe an ihre Musik zeigen. Ich spiele deshalb nach wie vor auf der Bühne klassische Bestandsteile, ohne die Zuschauer allerdings damit allzusehr ermüden zu wollen. Wenn du zuviel Klassik spielst, könnten sie ja gleich zu einem klassischen Konzert gehen, wo die Musiker wahrscheinlich technisch noch erheblich besser sind als wir.

Aber - klassischen Musik hat trotzdem viel zu bieten, solange du sie mit der Begeisterung der heutigen Musik spielst... Viele der jüngeren Hörer haben keinen Bezug zur Klassik, weil sie etwas Kleinkariertes und Kontrolliertes darunter verstehen. Klassische Musik aber sollte heute mit der Freiheit und Begeisterung der heutigen Rockmusik gespielt werden.

ME: Zum Beginn deines Auftrittes donnert ein klassische Stück, in diesem Fall von Edward Elgar, über die Lautsprecher. Ist als Kontrast gedacht, oder versuchst du damit, dein Publikum einzustimmen?

Ritchie: Beides. Dem Publikum soll klar werden, daß wir nicht ausschließlich Rock'n'Roll spielen, sondern auch klassische Bestandteile in unserer Musik haben. Viele 17-18 jährige kennen diese Musik überhaupt nicht. Wenn mann sie ihnen aber im rechten Moment vorspielt, mit der richtigen Lautstärke, dann gibt er jeden Abend Hunderte von Leuten, die sagen: "Wow, das klang gut, von wem war das denn?"

Und sie sind dann ganz überrascht, daß es Musik war, die ihnen im Elternhaus und in der Schule aufgetischt worden war - und die sie gerade deshalb immer verachtet haben.

ME: Aber das ist doch gerade der Punkt. Ich bin sicher nich der einzige, der früher wider Willen Klavierunterricht nehmen mußte und Mozart auswendig lernte, ohne wirklich einen Draht zu der Musik zu bekommen. Wenn ich heute klassische Musik höre, erinnert mich das immer an eine gefuhlsmäßig verklemmte und unehrliche Situation - ich bin sicher, so geht es vielen.

Ritchie: Ich verstehe, was du meinst. Vielleicht ist es für den Deutschen besonders schwer, weil sie so extrem diszipliniert erzogen wurden en werden. Mir geht es genau so im Zusammenhang mit Opern, die erinnern mich auch immer an die Schule und meinen Lehrer, der sagt: "Und nun hört diese wundervolle Passage..." Wagner und vor allem die Walzer von Straus sind etwas, was ich auf den Tod nicht ausstehen kann. Mozart war für meine Begriffe auch ein wenig poppig, wohingegen ich J.S. Bach wirlich verehre. Ich liebe Bach. Alles, was er schrieb, bedeutete etwas. Es gab keine Foskeln, keine leeren Ornamente, keine virtuosen Läufe, die nur um ihrer selbst willen gespielt wurden.

ME: Leute wie Bach hatten es aber auch insofern leichter, als sie nicht die starken Einflüsse der Medien zu verdauen hatten. Ich kann mir vorstellen, daß er heute für einen Musiker viel schwerer ist, 'sauber' zu bleiben.

Ritchie: Genau. Du weißt einfach nicht mehr, was du tun sollst. Selbst meine Freunde hier am Tisch (Musiker aus Los Angeles - Red.) wissen nicht so recht, ob sie spielen sollen, was sie wirklich fühlen - oder aber etwas, das gerade von der Gesellschaft besonders beklatscht wird.

ME: Gaubst du, daß mehr oder weniger alle neuer Gruppen von oberflächlichen Modetrends beeinflußt werden?

Ritchie: 99 Prozent. Es ist wirklich eine Schande. Diese Punk- und New Wave Bewegung versucht verzweifelt die Oberhand zu gewinnen - aber sie schaffen's nicht. Die wirklich großen Bands heute haben nichts mit Punk oder New Wave zu tun - abgesehen von Blondie, falls man die dazurechnet. Aber die respektiere ich auch. Man stolpert nich zufällig über so viele gute Melodien, wie das bei Blondie der Fall ist.

ME: Einige Fragen zu deiner neuen Besetzung. Die Wahl von Graham Bonnet als Sänger hat mich überrascht, weil er doch irgendwie viel smarter und glatter ist als ein Rock'n'Roll Tier wie Ronnie Dio.

Ritchie: Das stimmt. Aber wir haben im Laufe mehrerer Monate unzählige Sänger getestet - und er war einfach der beste. Er hat eine unglaubliche Stimme, über drei Oktaven. Manchmal kommt er allerdings in die Bredouille, weil er sich an zu hohen Noten versucht. Aber vielleicht besteht sein wirkliches Problem darin, daß er zu oft von zu verschiedenartigen Stilelementen beeinflußt wird.

ME: Eine andere Frage betrifft Roger Glover: Hat es irgendwie die Balance bei rainbow verändert, daß dein Produzent und Ko-Autor in der Gruppe mitspielt?

Ritchie: Früher habe ich die Songs mit Ronnie Dio geschrieben, heute läuft es im Prinzip genauso, nur daß Roger jetzt die Texte zu meinen Melodien schreibt. Er hält die ganze Gruppe zusammen, er ist ein Katalysator, er versteht sofort, was ich sagen will. Und wenn ich manchmal nicht in der Lage bin, mich selbst klar auszudrücken, dann sagt er; "Versucht doch mal, das und das zu spielen. Das ist es wohl, was Ritchie meint." Er ist für mich unbezahlbar, er ist ein Optimist, eine unheimlich netter Kerl obendrein. Ich bin sehr gerfühlsbetont und nicht besonders stabil, während er seine Sache immer bis ans Ende denkt. Es passiert so oft im Studio, daß ich mit einer Sache ungeduldig werde und was Neues machen will, aber er sagt: "Moment, das ist noch nicht optimal, das war eine gute Idee, aber laßt uns daran noch weiter arbeiten."

Und wenn ich im Bett liege, sitzt er noch immer im Studio und baselt an dem gleichen Song. Ich schreibe etwas in fünf Minuten und will dann etwas Neues machen, aber er kniet sich dann tagelang hinein und geht oft genug überhaupt nicht schlafen. Und so jemanden brauche ich. Denn Cozy Powell ist henauso ungeduldig wie ich, ein toller Drummer, aber völlig ungeduldig. Er will alles in zwei Sekunden über die Bühne ziehen - und klappt das nicht, dann will er nach Hause. Des wegen brauchen wir jemanden, der stabil und geduldig ist.

Rainbow ist eine Band mit Feuer, die Leute fahren schnell aus ihrer Haut, ich schlucken Kritik nicht besonders gut. Alles Dickköpfe.

ME: Wie steht's denn überhaupt mit der Demokratie in der Gruppe? Läßt du den anderen Spielraum für ihre eigenen Ideen?

Ritchie: Bei der letzten LP haben wir Graham mehr oder weiniger nagelegt, was er zu singen habe. Don Airey haben wir unsere Ideen diskret zugeflüstert, würde ich sagen. Er ist technisch so perfekt, daß er eine Idee sofort umsetzen und weiterentwickeln kann. Aber er ist mehr ein Techniker als ein Ideen-Lieferant - im Gegensatz etwa zu Paul McCartney, der phantastische Ideen hat, aber nicht unbedingt ein genialer Techniker ist. Man sollte in einer band möglichst beide Sorten von Musikern haben, man sollte sich nie nur auf eine Seite stützen. Entweder hast du dann nur Songschreiber in der Gruppe, die sich gegenseitig ihre Ideen um den Kopf hauen oder aber eine Gruppe wie Don's alte Band, Colosseum II, die nur noch mit ihre Technik brillierte, ohne die Hörer gefühlsmäßig auch nur im geringsten zu packen. Ich muß gestehen, daß ich mich in meinen Soli auch etwas treiben lasse, daß ich leicht zu selbstgefällig werde.

Auf Platte passiert so etwas nicht. Da gibt es nur ein kurzes Solo, und dann wieder züruck zum Riff. Im Studio habe ich nicht die Spontaneität und Frische, um ein langes Solo zu spielen. Das frustriert mich auch oft genug, denn ich bin sicher, daß ich viel besser bin, als das, was von mir auf Platten rüberkommt. Bis ich eine Idee der Gruppe übermittelt habe und der Sound in allen Einzelheiten stimmt, habe ich längst den Faden verloren. Und es ist für mich wirklich höchst ärgerlich, mich mit dem Zweitbesten zufriedenzugeben. Es tut weh, wenn du weißt, daß du besser bist als das, was die Leute auf Platte hören.

ME: Und das versucht du zu kompensieren, indem du live oft endlose Soli spielst?

Ritchie: Ja, ich glaube schon. Auf der Bühne ist alles spontan. Ich schlage eine Note an und improvisiere darauf. Im Studio ist so etwas einfach unmöglich. Entweder der Sound stimmt nicht, oder die Maschine ist kaputt. Bis alles in Ordnung ist, ist die Spontanietät längst verflogen.

ME: Noch einmal eine Frage zur gegenwärtigen Besetzung: Glaubst du, daß sie diesmal für einige Zeit halten wird? Und zweite Frage: Wie kommt es überhaupt, daß so viele - freiwillig oder unfreiwillig - Rainbow verlassen haben?

Ritchie: Wir sprechen im allgemeinen nicht so gern darüber, weil es für keinen der Beteiligten angenehm ist. Es ist schließlich nicht besonders vorteilhaft für einen Musiker, wenn mann über ihn erzählt, daß er gefeuert wurde. Nur soviel: Keiner hat bisher Rainbow freiwillig verlassen. Vielleicht verlange ich manchmal zuviel, allzu konstruktiv bin ich sicher auch nicht. Aber wenn ich irgendwas einmal in meinem Kopf habe, will ich es auch erreichen.

ME: Es sind also immer musikalische und keine persönlichen Gründe?

Ritchie: O ja! Nur musikalische Gründe. Aber wenn ich jemanden als Musiker nicht akzeptieren kann, werde ich zum Bastard, vor allem natürlich, wenn er sich's in meiner Band bequem gemacht hat. Da sind einige Leute schon böse aufgewacht, die diesen Fehler begangen haben.

ME: Is es nicht auch oft so gewesen, daß dir einige Leute zu geldgierig geworden sind?

Ritchie: So was passiert immer wieder. Aber wenn ich jemanden als Musiker akzeptiere, zahle ich ihm alles, was in meinem Kräften steht. In meiner Traumband müßten zwei exzellente Songschreiber sein und drei ebenso exzellente Techniker. Die Beatles z.B. haten mehr Ideen als Möglichkeiten, sie auch musikalisch umzusetzen. Oder nimm ELP! Emerson und Palmer sind phantastische Musiker, aber Greg Lake ist wohl der einzige Ideen-Lieferant.

ME: Eine Letzte Frage: Du lebst seit einigen Jahren auf Long Island, nördlich von New York. Hat das schlicht und ergreifend Steuergründe, oder hat das auch persönliche und musikalische Motive?

Ritchie: Es war anfangs wegen der Steuer, aber inzwischen halten mich andere Dinge hier. Amerika ist das, was England vor vielen Jahren was. Es sind viele Ideen in der Luft. Allerdings befürchte ich, daß es ihnen in fünf Jahren genauso dreckig gehen wird wie heute den Engländern. Vielleicht komme ich dann nach Deutschland.


Bernd Gockel, Music Express 1979

[Thanks to: Wolfgang Obermayer]






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